Markenlexikon

Wintershall

Ursprungsland: Deutschland

Carl Julius Winter (1855 – 1914) übernahm 1886 von seinem gleichnamigen Vater eine Maschinenfabrik für Tiefbohreinrichtungen, dessen Firmensitz er anschließend nach Kamen (Nordrhein-Westfalen) verlegte. Gemeinsam mit dem Bochumer Bergbau-Unternehmer Heinrich Grimberg (1833 – 1907) gründete er 1894 in Bochum die Bohrgesellschaft Wintershall (ab 1899 Bergrechtliche Gewerkschaft Wintershall) zum Abbau von Kalisalz. Der Namensbestandteil »hall« bezieht sich auf das althochdeutschen Wort für Salz, Salzlager, Salzabbau und Salzhandel. Wintershall errichtete in der Folgezeit zahlreiche Kalischächte im Werratal (Hessen) und in Thüringen. Im Jahre 1898 stellte Winter den Ingenieur August Rosterg (1870 – 1945) ein, der später zum Generaldirektor von Wintershall aufstieg. Zur Produktion von Düngesalz baute Wintershall eine Kaliumchlorid- und Sulfatfabrik.

Infolge des rasanten Wachstums der Firma gründete Rosterg 1921 zusammen mit der Dresdner Bank die Finanzierungs- und Holdinggesellschaft Kali Industrie AG Berlin-Kassel, die 1929 in Wintershall AG umbenannt wurde. 1922 stieg der Tuchfabrikant Günther Quandt (1881 – 1954), dem später auch der Batteriekonzern Varta gehörte, als Aktionär bei der Kali Industrie AG ein. Damit waren Rosterg und Quandt die Hauptaktionäre von Wintershall.

Durch den zufälligen Ausbruch von Erdöl in einem Kalischacht in Volkenroda (Thüringen) infolge einer Schlagwetter-Explosion begann das Unternehmen 1930 mit der Öl- und Erdgasförderung. Als diese Quelle schon ein Jahr später versiegte, erwarb Wintershall Anton Rakys Gewerkschaft Nienhagen (Niedersachsen). ln Nienhagen bei Celle war 1889 erstmals Erdöl entdeckt worden. Ebenfalls 1931 erwarb Wintershall die Raffinerie Salzbergen (Niedersachsen), die bereits seit 1860 existierte. Eine weitere Raffinerie wurde zur gleichen Zeit von der Deurag (Gewerkschaft Deutsche Erdölraffinerie), die sich im Besitz von Wintershall und der Gewerkschaft Elwerath befand, in Hannover-Misburg direkt am Mittellandkanal gebaut.

Durch die mehrheitliche Übernahme der Napthaindustrie und Tankanlagen AG Berlin (NITAG), die anschließend in NITAG Deutsche Treibstoffe AG umfirmiert wurde, kam Wintershall 1934 auch in den Besitz einer eigenen Vertriebsorganisation (Tankstellen). In den 1930er und 1940er Jahren war Wintershall nach der IG Farbenindustrie AG (Agfa, Bayer, BASF, Casella, Dynamit-Nobel, Griesheim-Elektron, Hoechst, Weiler ter Meer) der zweitgrößte deutsche Chemiekonzern. 1943 nahm Wintershall die Erdölförderung in Emlicheim (Niedersachsen) auf.

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs verlor Wintershall durch Enteignungen in der sowjetischen Besatzungszone die 1936 errichtete Ölraffinerie in Lützkendorf (Sachsen-Anhalt), die Kalischächte und -werke in Thüringen sowie das NITAG-Tankstellennetz in Österreich, das später von der staatlichen Österreichischen Mineralölverwaltung (ÖMV) übernommen wurde. Von 1950 bis 1953 errichteten Wintershall, Elwerath und Preussag eine Ölraffinerie in Lingen, wo anschließend das Erdöl von den Ölfeldern des Emslands verarbeitet wurde.

1952 erwarb Wintershall gemeinsam mit der Deutschen Erdöl AG (DEA) die Aktienmehrheit der Deutschen Gasolin AG, die über eine eigene Tankstellenkette mit über 3000 Zapfsäulen verfügte. Die Gasolin AG hatte zuvor dem IG-Farben-Konzern, Esso und Shell gehört. 1956 beteiligten sich Wintershall und DEA an dem Bochumer Tankstellenunternehmen BV-Aral AG und brachten ihre Anteile an der Deutschen Gasolin-Nitag AG und ihre Tankstellennetze (DEA, Gasolin, Nitag) dort ein. 1959 verkaufte die DEA ihre BV-Aral-Anteile wieder, löste aber das frühere DEA-Tankstellennetz aus dem Unternehmen heraus. Lediglich die Gasolin-Tankstellen blieben bei BV-Aral.

In den 1950er und 1960er Jahren entwickelte Wintershall neue Erdöl- und Erdgas-Förderstätten, u.a. in Rehden (Niedersachsen; seit 1951), Bockstedt (Niedersachsen; seit 1954), Landau (Rheinland-Pfalz; seit 1955), Mönchsrot/Hauerz (Baden-Württemberg; seit 1957), Lauben (Bayern; seit 1958), Eydelstedt (Niedersachsen; seit 1959), Barrien/Weyhe (Niedersachsen; seit 1965) und Staffhorst (Niedersachsen; seit 1965). Gemeinsam mit der DEA wurde Wintershall in den 1950er Jahren auch im Ausland tätig, so ab 1954 in Peru und ab 1958 in Libyen.

1967 wurden die Besitzverhältnisse der Aral AG neu geordnet: Aktionäre waren nun die Veba-Tochter Hibernia AG (ab 1970 Veba Chemie AG, ab 1978 Veba Oel AG), die Mobil Oil AG (eine Tochter des US-Konzerns Mobil Oil Corporation), die Gelsenberg AG (die frühere Gelsenkirchener Bergwerks-AG), die Wintershall AG und die Gruppe der Benzolerzeuger.

Als die Quandt-Familie (BMW, Varta) die Wintershall AG Ende der 1960er Jahre verkaufen wollte, griff der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF nach einigem Zögern zu; einerseits um die eigene Rohstoffversorgung zu sichern, anderseits um der damaligen Bundesregierung einen Gefallen zu tun (das Unternehmen sollte nicht in ausländische Hände fallen). 1969 erwarb BASF die Anteile von Herbert Quandt und Dr. Heinz Rosterg an der alten bergrechtlichen Gewerkschaft Wintershall in Celle, der wiederum die Mehrheit der Anteile der Wintershall AG gehörten. Die Aktion war einigermaßen schwierig, da Heinz Rosterg an einen komliplizierten Erbvertrag seines Vaters gebunden war. Der damalige BASF-Chef Bernhard Timm fand dann allerdings eine Lösung, um auch Rosterg zum Verkauf zu bewegen.

Das Kali- und Steinsalzgeschäft gliederte BASF anschließend in die neue Kali & Salz GmbH (ab 1972 AG) aus. BASF blieb noch bis 2011 an K+S beteiligt, bis 1993 mehrheitlich. 1979 nahm Wintershall die Ölförderung in Aitingen bei Augsburg (Bayern) auf. lm Rahmen des von 1969 bis 1998 bestehenden Jointventures Deminex (Veba, RWE, BASF/Wintershall) begann 1981 die Öl- und Gasförderung in Argentinien. Seit 1987 betreibt Wintershall gemeinsam mit der DEA die Bohr- und Förderinsel Mittelplate A, die Erdöl aus dem Ölfeld Mittelplate (Nordsee) fördert.

1993 gründeten Wintershall und der russische Gaskonzern Gazprom die Erdgashandelsfima Wingas, die russisches Erdgas nach Deutschland importierte und vermarktete. Aufgrund von EU-Vorschriften musste Wingas 2010 in zwei Unternehmen aufgeteilt werden: Wingas (Erdgashandel, gehört 2015 ganz zu Gazprom) und Wingas Transport (Netzbetrieb, Speicherung; seit 2012 Gascade).

Die Aral AG wurde 1999 vollständig von der Veba Oel AG übernommen. Im Zuge der Veba-Viag-Fusion zur E.ON AG (2000) verkaufte E.ON die Aral-Muttergesellschaft Veba Oel 2001/2002 an die Deutsche BP AG.

1999/2000 errichtete Wintershall in der Nordsee (Entenschnabel) die Erdgasförderanlage A6-A. 2011 nahm das Unternehmen mit der Plattform Wingate die erste selbst betriebene Erdgasproduktion in der britischen Nordsee auf. In der niederländischen Nordsee betreibt Wintershall über 20 Offshore-Plattformen. Wintershall ist neben Gazprom, E.ON Ruhrgas, Gasunie und Engie (vormals GDF-Suez) auch an der Nord Stream AG beteiligt, die die Pipeline Nord-Stream I zum Transport von Erdgas von Russland durch die Ostsee nach Deutschland betreibt.

Im ersten Halbjahr 2019 schlossen sich die Wintershall Holding GmbH (Kassel) und die DEA Deutsche Erdoel AG (Hamburg) zum größten Gas- und Ölproduzenten Europas zusammen (Wintershall-Dea GmbH).

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