Markenlexikon

Siemens

Ursprungsland: Deutschland

SIEMENS & HALSKE: Bevor der Elektrotechniker Ernst Werner Siemens (1816 – 1892; ab 1888 W. von Siemens) gemeinsam mit dem Berliner Universitäts-Mechaniker Johann Georg Halske (1814 – 1890) im Oktober 1847 in Kreuzberg bei Berlin die Telegraphen-Bau-Anstalt Siemens & Halske (ab 1897 Siemens & Halske AG) gründete, hatte er bereits mehrere bahnbrechende Erfindungen gemacht. 1841 entwickelte er ein neuartiges Galvanisierungsverfahren, 1846 einen druckenden Zeigertelegraphen und 1848 eine Maschine, die Leitungsdrähte mit Guttapercha, dem Milchsaft einer malaysischen Baumart, überzog und damit isolierte. Seine bedeutendste Erfindung war jedoch 1866 die Dynamo-Maschine, die die Erzeugung von Starkstrom und damit die industrielle Nutzung der elektrischen Energie ermöglichte. Auch seinen Brüdern Friedrich und Wilhelm (in England nannte er sich William; ab 1883 Sir William) gelangen mehrere Neuerungen, so 1856 der Regenerativgasofen, der wesentlich höhere Temperaturen erreichte als die bis dahin verwendeten Modelle, und 1864 der gemeinsam mit den französischen Brüdern Pierre und Emile Martin entwickelte Siemens-Martin-Stahlofen, der erstmals auch die Wiederaufbereitung von Schrott ermöglichte.

TELEGRAFEN, TELEFONE, SCHIENENFAHRZEUGE, LICHTTECHNIK: Siemens & Halske beschäftigte sich anfangs vor allem mit dem Bau von Telegrafensystemen und der Errichtung von Telegrafenverbindungen. Das Unternehmen errichtete die erste elektrische Ferntelegrafenlinie Europas zwischen Berlin und Frankfurt am Main (1848), das russische Telegrafennetz (1853 – 1855) sowie die indoeuropäische Telegrafenlinie zwischen London und Kalkutta (1870). 1874 verlegte Siemens & Halske das transatlantische Kabel zwischen Irland und den USA. Nachdem Alexander Graham Bell 1877 in den USA das Telefon entwickelt hatte, wurde Siemens mit seiner Variante, dem Siemensscher Fernsprecher, der auf dem Bellschen Modell basierte, auch zum führenden deutschen Hersteller von Telefonanlagen. 1879 baute Siemens die erste Elektro-Lokomotive der Welt (ein Fahrgestell mit Elektromotor), 1881 den weltweit ersten elektrischen Straßenbahntriebwagen und 1894/96 die erste elektrische U-Bahn auf dem europäischen Festland in Budapest. Darüber hinaus installierte das Unternehmen in vielen Städten Straßenbeleuchtungen, u.a. in Berlin. Zu einem Verkaufsschlager avancierte ab 1905 die von dem Siemens-Mitarbeiter Werner Bolton entwickelte Tantallampe, deren Glühfäden aus dem hochschmelzenden Schwermetall Tantal bestanden.

SIEMENS BROTHERS: Durch die zahlreichen internationalen Aktivitäten gründete Siemens schon früh auf der ganzen Welt Niederlassungen, Tochtergesellschaften und Produktionsstätten, u.a. in Großbritannien (1850), Russland (1855), Schweden (1880), Japan (1887), den USA (1892), Mexiko (1894), Südafrika (1895) China (1905), Niederländisch-Indien/Indonesien (1909) und Kanada (1912). Die britische Firma, die ab 1865 als Siemens Brothers firmierte, wurde infolge des 1. Weltkriegs von der dortigen Regierung beschlagnahmt und 1953 von Associated Electrical Industries (AEI) übernommen. AEI ging 1967 im G.E.C./Marconi-Konzern (heute BAE Systems) auf.

SIEMENSSTADT: Die Siemens-Fabrikanlagen, die sich im Laufe der Jahre von Berlin-Kreuzberg über Charlottenburg (ab 1872) bis nach Spandau (Nonnenwiesen; ab 1899) ausbreiteten, erhielten 1914 den Namen Siemensstadt. Ab 1904 wurden hier auch Wohnungen, Schulen, Kirchen, Kindergärten, Sportanlagen und Kleingärten für die Siemens-Beschäftigten errichtet (die Siemensstadt ist heute ein Ortsteil von Berlin-Spandau). Da die Werke und die Verwaltung in West-Berlin nach dem Ende des 2. Weltkriegs in einem politisch unsicheren Gebiet lagen und die Wege zu den Absatzmärkten nun unwirtschaftlich lang waren, verlegten die Siemens-Gesellschaften ihre Verwaltungen 1949 nach München (Siemens & Halske) und Erlangen (Siemens-Reiniger, Siemens-Schuckert). Berlin ist jedoch bis heute offizieller Unternehmenssitz der Siemens AG.

SCHUCKERT, REINIGER, MEDIZINTECHNIK: 1903 erwarb Siemens & Halske die Nürnberger Elektrizitäts AG vorm. Schuckert & Co. (1873 von Johann Sigmund Schuckert gegründet), einen Hersteller von Dynamo-Maschinen, Bogenlampen, Scheinwerfern, Elektroautos und Straßenbahnen, der daraufhin in Siemens-Schuckertwerke AG umbenannt wurde. Eine weitere bedeutende Akquisition war 1925 die Übernahme der Reiniger, Gebbert & Schall AG (RGS) aus Erlangen. RGS hatte 1896, ein Jahr nachdem der deutscher Physiker Wilhelm Conrad Röntgen die später nach ihm benannten X-Strahlen entdeckt hatte, die ersten Röntgen-Röhren für die medizinische Diagnostik auf den Markt gebracht. Siemens selbst stellte u.a. EKG-Geräte (ab 1911) und elektrische Hörgeräte (ab 1913) her.

SIEMENS BAUUNION: 1921 gründeten Siemens & Halske und Siemens-Schuckert die Tochtergesellschaft Siemens-Bauunion (SBU), die fortan die Bauvorhaben für den Siemens-Konzern übernahm. Die SBU war u.a. am Bau der Siemensbahn (S-Bahn-Strecke in Berlin), der Westtangente in Berlin (heute die Bundesautobahn 103), der U-Bahnen in Berlin und Athen sowie der Transiranischen Eisenbahn vom Kaspischen Meer zum Persischen Golf beteiligt. 1972 wurde die SBU an die Dyckerhoff & Wiedmann AG (DYWIDAG) verkauft.

FUJI ELECTRIC: Gemeinsam mit der japanischen Furukawa Mining Company gründete Siemens (jap. Jiimensu gesprochen) 1923 das Jointventure Fuji Electric Company – die beiden Worte »Furukuwa« und »Jiimensu« ergaben den Firmennamen Fuji Denki Seizo (Fuji Electric Company). Das Unternehmen produzierte zunächst Elektromotoren, Ventilatoren und ab 1935 Telefone und Telefonanlagen. Für diesen Bereich wurde die Tochtergesellschaft Fujitsu gegründet. Fujitsu ist ein Akronym aus »Fuji« und »Tsushinki«, was auf japanisch Telekommunikations-Equipment bedeutet. 1945 musste sich Siemens jedoch aus Japan zurückziehen, sodass Fuji Electric und Fujitsu nun in japanischen Besitz übergingen. Viele Jahrzehnte später, im Jahr 2000, gründeten Fujitsu und Siemens erneut ein Gemeinschaftsunternehmen (Fujitsu-Siemens Computers), das jedoch neun Jahre später ganz von Fujitsu übernommen wurde.

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TELEFUNKEN, OSRAM, KWU, TU: Ähnlich wie der ebenfalls in Berlin ansässige Konkurrent AEG, mit dem mehrere Gemeinschaftsunternehmen gegründet wurden (1903 Telefunken, 1919 Osram, 1969 KWU Kraftwerk Union, TU Transformatoren Union), die später meist in den Besitz von Siemens übergingen (1976 Osram, 1977 KWU, 1987 TU), stellte auch Siemens bald alles her, was dem Bereich Elektrotechnik zugeordnet werden kann: u.a. Kabel, Glühbirnen, Elektromotoren, Straßenbeleuchtungsanlagen, Wärmekraftwerke, elektrische Ampelanlagen, Generatoren, Transformatoren, elektrische Hausgeräte, medizinische Geräte, Rundfunkgeräte, Telefonanlagen, Elektronenmikroskope, Computeranlagen und Fernsehgeräte.

HAUSGERÄTE: Mit großen Hausstaubsaugern stieg Siemens 1905 in die Produktion von Hausgeräten ein. Bald kamen weitere Produkte wie Bügeleisen (1913), Wasserkocher (1913), Kochplatten (1913), Heizöfen (1913), Kochherde (1926), Kühlschränke (1927), Waschmaschinen (1928), Wäscheschleudern (1928), Handstaubsauger (1935) und Geschirrspüler (1964) hinzu. Die Hausgeräteaktivitäten von Siemens wurden 1967 in dem Jointventure Bosch-Siemens Hausgeräte (BSH) zusammengefasst und 2014 ganz an Bosch verkauft.

AUTOMOBILE: Ab 1905 baute die Siemens Schuckertwerke AG in ihrem Berliner Werk das Elektrofahrzeug Victoria, das es als viersitzigen PKW, als Kleinbus und als Lieferwagen gab. Die Reichweite des bis zu 30 km/h schnellen Automobils betrug zwischen 60 und 80 Kilometer. Insgesamt wurden nicht mehr als 50 Exemplare gebaut (die genaue Zahl ist unbekannt). 1908 erwarb Siemens-Schuckert die Berliner Motorenfabrik Protos, die Personenwagen und Lastwagen herstellte. Zwischen 1908 und 1911 fertigte Protos auch Elektrolastwagen und Elektrobusse, wobei die Fahrgestelle von Siemens-Schuckert kamen und die Elektromotoren von Siemens & Halske. 1926 verkaufte Siemens-Schuckert die Protos Automobile GmbH an die AEG, die sie mit ihrer Tochtergesellschaft NAG (Nationale Automobil Gesellschaft) fusionierte. Siemens verwendete den Markennamen Protos von 1925 bis 1939 für die Vermarktung von Haus- und Rundfunkgeräten.

UNTERHALTUNGSELEKTRONIK: 1923 begann Siemens mit der Herstellung von Rundfunkgeräten, die bis zum Ende des 2. Weltkriegs größtenteils baugleich mit denen von AEG-Telefunken waren und sich nur durch das Design unterschieden. 1954 kamen Fernsehgeräte hinzu, deren Produktion aber in den 1960er Jahren wieder eingestellt wurde. Bis 1996 verkaufte Siemens jedoch weiterhin Rundfunk-, HiFi- und TV-Geräte unter eigenem Namen, wobei es sich dabei um Fremdprodukte u.a. von Körting, Blaupunkt und Grundig handelte. In den 1920er und 1930er Jahren fertigte Siemens auch 16-Millimeter-Filmkameras und Filmprojektoren.

MUSIKINDUSTRIE: Durch die Übernahme der Deutschen Grammophon Gesellschaft (Polyphon, Polydor) im Jahre 1941 wurde Siemens im Musikgeschäft tätig. Die DGG hatte von 1937 bis 1941 zum AEG-/Siemens-Jointventure Telefunken gehört. Als Siemens 1941 bei Telefunken ausstieg, bekam man dafür die Deutschen Grammophon Gesellschaft und einige andere AEG-Tochtergesellschaften wie die Klangfilm GmbH. 1962 gründeten Siemens und der niederländische Elektrokonzern Philips das Jointventure Gramophon-Philips Group und erwarben an ihren im Musikbereich tätigen Tochtergesellschaften Deutsche Grammophon Gesellschaft (DGG) und Philips Phonographische Industrie (PPI; ab 1967 Phonogram) wechselseitig Beteiligungen, Philips 50 Prozent an DGG und Siemens 50 Prozent an PPI. Als internationale Holding für die Siemens- und Philips-Musikaktivitäten entstand 1972 das Jointventure PolyGram (POLYdor + PhonoGRAM), an dem Philips und Siemens zu je 50 Prozent beteiligt waren. Zwischen 1983 und 1987 verkaufte die Siemens AG ihre PolyGram-Beteiligung an Philips.

HALBLEITER, COMPUTER: Der Siemens-Forscher Eberhard Spenke und sein Team entwickelten 1953 ein neuartiges Verfahren zur Herstellung von hochreinem Silizium. Zahlreiche Unternehmen aus den USA, Japan und Deutschland erwarben darauf Lizenzen für das sogenannte Zonenziehverfahren. Kurz darauf begann Siemens mit dem Bau einer eigenen Rechenanlage. 1959 wurden die ersten Exemplare des Transistorrechners Siemens 2002 ausgeliefert. Damals beherrschten noch IBM, Sperry-Rand (Univac) und Burroughs den weltweiten Markt für Datenverarbeitungsanlagen. Doch bald gehörte auch Siemens zu den führenden Herstellern von Großrechnern.

HERZSCHRITTMACHER: Im Oktober 1958 implantierten der schwedische Chirurg Prof. Åke Senning und Rune Elmquist, ein Ingenieur der Firma Siemens-Elema, dem damals 43-jährigen Patienten Arne Larsson in Stockholm den ersten Herzschrittmacher der Welt. Die elektronischen Bauelemente (Transistoren, Spule, Nickel-Cadmium-Akkumulator) waren in einer Schuhcremedose untergebracht und mit Epoxidharz vergossen. Senning und Elmquist glaubten anfangs nicht an einen langfristigen Erfolg, doch Arne Larsson wurde 86 Jahre alt.

SIEMENS AG: 1966 schlossen sich die Siemens & Halske AG, die Siemens Schuckertwerke AG und die Siemens-Reiniger-Werke AG zur Siemens AG zusammen. Damit waren erstmals alle Siemens-Aktivitäten unter einem Dach vereint. Initiator der Fusion war Ernst Albrecht von Siemens (1903– 1990), der damalige Aufsichtsratsvorsitzende der Siemens & Halske AG und der Siemens Schuckertwerke AG.

ZUSE: 1967 übernahm Siemens die ehemalige Firma Konrad Zuses, die zuvor zum Schweizer Elektrokonzern Brown Boveri & Cie. (BBC) gehört hatte. Der Bauingenieur Konrad Ernst Otto Zuse (1910 – 1995), der zunächst als Statiker bei den Henschel-Flugzeugwerken in Berlin gearbeitet hatte, baute zwischen 1934 und 1939 gemeinsam mit dem Nachrichtentechniker Helmut Schreyer (1912 – 1984) zwei Rechenanlagen (Z1, Z2) aus ausrangierten Telefonrelais, die jedoch aufgrund mangelhaft gefertigter Mechanikteile noch nicht voll funktionsfähig waren. Erst der 1941 im Auftrag der deutschen Luftfahrtindustrie fertiggestellte Z3 arbeitete einwandfrei. Der Zuse Z3, der als erster funktionsfähiger programmgesteuerter digitaler Rechenautomat in die Annalen der Computergeschichte einging, bestand aus einer dezimalen Tastatur, einem Lampenfeld als Datenausgabe sowie 600 Schaltrelais, 600 Relais für andere Zwecke und 1400 Speicherrelais (Speichervermögen: 64 Zahlen zu je 22 Dezimalstellen). Er beherrschte die vier Grundrechenarten sowie die Berechnung quadratischer Wurzeln (Berechnungsdauer einer Operation etwa drei Sekunden). 1944 wurde der Z3 bei Bombenangriffen zerstört.

1945 war die Weiterentwicklung, der Relaisrechner Z4 mit Lochstreifen-Programmierung und einer Schreibmaschine als Ausgabegerät, fertig; 1950 wurde er in der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) aufgestellt, wo er bis 1955 als einziger Computer europäischer Herkunft in Betrieb blieb (seit 1960 steht der Z4 im Deutschen Museum München). 1945 löste Zuse seine Firma zunächst auf, gründete sie jedoch 1949 in Neukirchen/Hessen neu. In den 1950er Jahren baute die Firma, die ihren Firmensitz 1957 nach Bad Hersfeld in eine ehemalige Textilfabrik verlegte, noch einige weitere Relais-, Röhren- und Transistor-Rechenanlegen (u.a. Z5, Z11, Z22, Z23, Z25, Z31). 1964 wurde die Firma erst von der Rheinstahl AG übernommen, dann 1965 von der deutschen Tochter des Schweizer Elektrokonzerns Brown Boveri & Cie. (BBC) und 1967 schließlich von Siemens, wo Konrad Zuse selbst noch jahrelang als Berater tätig war. 1971 wurde die Firma Zuse KG aufgelöst und bald darauf stellte Siemens auch die Computer-Produktion in Bad Hersfeld ein.

KRAFTWERK UNION (KWU), TRANSFORMATOREN UNION (TU): Als nach dem 1. Weltkrieg der Verbrauch von elektrischer Energie stark anstieg, vergaben die Berliner Elektrizitätswerke den Auftrag für den Neubau eines Kraftwerks in der Nähe der Siemensstadt an die Siemens-Schuckertwerke AG. Von 1928 bis 1931 wurde das Kraftwerk West (heute Heizkraftwerk Reuter) errichtet, das mit einer Leistung von 228 Megawatt zu den damals modernsten Wärmekraftwerken Europas gehörte. Mitte der 1950er Jahre begann Siemens & Halske in München-Garching mit der Errichtung eines Forschungsreaktors. In den 1960er Jahren folgte ein weiterer Forschungsreaktor in Karlsruhe. Auch Siemens-Schuckert beschäftigte sich ab Mitte der 1950er Jahre mit der Reaktorentwicklung; 1965 erhielt Siemens-Schuckert den Auftrag zum Bau des Kernkraftwerk Obrigheim, bei dem ein Druckwasserreaktor (Lizenzgeber: Westinghouse Electric) zum Einsatz kam.

1969 schlossen die AEG, die bereits mehrere Kernkraftwerke mit Siedewasserreaktoren (Lizenzgeber: General Electric) errichtet hatte (Kahl, Gundremmingen A, Lingen), und Siemens ihre Aktivitäten im Bereich der traditionellen Kraftwerke in der Kraftwerk Union AG (KWU) mit Standorten in Berlin, Erlangen, Mülheim an der Ruhr und Offenbach am Main zusammen. Gleichzeitig gründeten beide Partner die Transformatoren Union AG Stuttgart (TU). Die KKW-Sparten beider Unternehmen wurden aus Rücksicht auf die konkurrierenden Lizenzgeber General Electric und Westinghouse erst 1973 in die KWU integriert. Siemens und die AEG waren je zur Hälfte an der KWU und der TU beteiligt. Die unternehmerische Führung der KWU lag bei Siemens, bei der TU hatte dagegegen die AEG das Sagen. Die KWU war am Bau zahlreicher Kernkraftwerke in Argentinien (Atucha), Brasilien (Angra), Deutschland (Biblis, Brokdorf, Brunsbüttel, Emsland, Grafenrheinfeld, Grohnde, Gundremmingen, Isar, Kalkar, Krümmel, Neckarwestheim, Niederaichbach, Obrigheim, Philippsburg, Stade, Unterweser, Würgassen), Iran (Buschehr), den Niederlanden (Borssele), Österreich (Zwentendorf/Tullnerfeld), der Schweiz (Gösgen) und Spanien (Regodola, Trillo) beteiligt.

Die AEG, die viel weniger Forschungsarbeit in die Reaktortechnologie gesteckt hatte als Siemens, und das US-Konzept nur anpasste, kam jedoch bei der Errichtung des Kernkraftwerks Würgassen (1968 – 1971) in technische und damit bald auch in finanzielle Schwierigkeiten wegen diverser Nachrüstungen auch an zuvor errichteten Kraftwerken. Würgassen ging als Pannenreaktor in die Geschichte ein und war später einer der Gründe für den Untergang des AEG-Konzerns Anfang der 1980er Jahre. 1976/1977 verkaufte die AEG schließlich ihre KWU-Anteile an Siemens. Obendrein musste die AEG auch noch einen Milliardenbetrag an Siemens zahlen, damit eventuelle Schadenersatzansprüche abgesichert waren, die an Kernkraftwerken auftraten, die die AEG in die KWU eingebracht hatte. Zwischen 1978 und 1987 erwarb Siemens/KWU auch die AEG-Anteile an der Transformatoren Union AG.

Da sich das weltweite Geschäft mit Kernkraftwerken seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (1986) eher schleppend entwickelte, zogen sich mehrere Anbieter in den späten 1990er Jahren aus diesem Bereich zurück (u.a. ABB ASEA Brown Boveri, Westinghouse). Siemens wollte seine KKW-Sparte zunächst an British Nuclear Fuels (BNFL) verkauften, doch BNFL erwarb dann die KKW-Aktivitäten von Westinghouse (1998) und ABB (1999). Daraufhin tat sich Siemens mit dem französischen Kerntechnikunternehmen Framatome zuammen. Im Jahr 2000 gegliederte Siemens den Nuklearbereich aus der KWU aus und brachte diese nun Siemens Nuclear Power (SNP) genannte Sparte 2001 in ein Jointventure mit Framatome ein (Framatome ANP Advanced Nuclear Power, später Areva NP). Der konventionelle Kraftwerks- und Turbinenbereich blieb bei Siemens. Framatome und Siemens hatte bereits seit den 1990er Jahren bei der Entwicklung des European Pressurized Water Reactor (Europäischer Druckwasserreaktor) eng zusammengearbeitet.

INTERCITY EXPRESS (ICE): Anfang der 1970 Jahre begann in Deutschland die Grundlagenforschung des spurgeführten Schnellverkehrs (Hochgeschwindigkeitszüge, Magnetschwebebahn), die vom Bundesministerium für Forschung und Technologie bis 1990 mit insgesamt 450 Millionen D-Mark gefördert wurde. Die Projektierung und der Bau des Versuchszugs InterCityExperimental (ICE) dauerte von 1979 bis 1985. Die eigentliche Produktion begann 1983. Die Triebköpfe wurden von Thyssen-Henschel in Kassel, Krupp in Essen und Krauss-Maffei in München-Allach gebaut, die Mittelwagen von DUEWAG in Krefeld-Uerdingen (Rohbau), LHB Linke-Hofmann-Busch in Salzgitter (Innenausrüstung) und MBB (Messerschmitt-Bölkow-Blohm) in Donauwörth (Endmontage). Die elektrische Ausrüstung übernahmen AEG, BBC (Brown Boveri & Cie.) und Siemens. Mit diesem ersten ICE wurden zahlreiche Test-, Demonstrations- und Rekordfahrten durchgeführt. Von Mai 1988 bis Dezember 1989 war der InterCityExperimental mit einer Höchstgeschwindigkeit von 406,9 km/h das schnellste Rad-Schiene-Fahrzeug der Welt. Der Bau der Serien-ICE (die Abkürzung ICE stand nun für InterCity Express) begann 1988. Beteiligt waren folgende Unternehmen: Triebköpfe (Krauss-Maffei München-Allach, Krupp Essen, Thyssen-Henschel Kassel), Mittelwagen (LHB Salzgitter, DUEWAG Krefeld-Uerdingen, Waggon Union Berlin, MBB Donauwörth) und elektrische Ausrüstung (ABB ASEA Brown Boveri Mannheim, AEG Nürnberg, Siemens München). Die ICE-1-Züge wurden von 1989 bis 1993 an die Deutsche Bundesbahn ausgeliefert und nahmen den regulären Dienst im Juni 1991 auf der Strecke Hamburg – München (über Hannover, Fulda, Frankfurt am Main, Stuttgart, Augsburg) auf.

In den 1990er Jahren kam es zu zahlreichen Fusionen in der Schienenfahrzeug-Industrie (1989/1999 Siemens – DUEWAG, 1990 ABB – Thyssen-Henschel, 1994 Siemens Schienenfahrzeugtechnik – Lokomotiv- und Waggonbaufabrik Krupp, 1994/1996 GEC-Alsthom – Linke-Hofmann-Busch, 1996 ABB – AEG Schienenfahrzeuge [später Adtranz ABB-Daimler-Benz Transportation und DaimlerChrysler Rail Systems], 1999 Siemens – Krauss-Maffei Verkehrstechnik, 2001 Bombardier Transportation - DaimlerChrysler Rail Systems), was dazu führte, dass die weiteren ICE-Baureihen von immer weniger Herstellern gefertigt wurden. MBB, inzwischen Teil der Deutschen Aerospace AG (DASA), stieg 1991 aus der Produktion von Schienenfahrzeugen aus. Inzwischen sind Siemens (als Nachfolger von Duewag, Krauss-Maffei und Krupp), Bombardier (als Nachfolger von ABB, Adtranz, AEG und Thyssen-Henschel) und Alstom (als Nachfolger von Linke-Hofmann-Busch) die Hauptauftragnehmer.

Neben dem ICE baut Siemens auch die E-Lok-Baureihen EuroSprinter (seit 1992), EuroRunner (seit 2002) und Vectron (seit 2010) die an mehrere europäische Bahngesellschaften geliefert werden, außerdem Straßenbahnen, Nahverkehrszüge sowie S-Bahnen und U-Bahnen. Auch in der Vergangenheit war Siemens an der Entwicklung und am Bau zahlreicher Elektro-Lokomotiven für die Deutche Bundesbahn/Deutsche Bahn beteiligt.

TRANSRAPID: Die Entwicklung der Magnetschwebebahn Transrapid begann etwa zur gleichen Zeit, als auch das zukünftige Konzept für die Hochgeschwindigkeitszüge erarbeitet wurde. Ab 1971 bauten MBB, Krauss-Maffei und Thyssen-Henschel mehrere Technologie-Demonstratoren und Prototypen, die auf verschiedenen Versuchsstrecken (München-Allach, Manching, Emsland) ausgiebig getestet und weiterentwickelt wurden. Für die elektrische Ausrüstung waren AEG-Telefunken, Brown, Boveri &Cie. (BBC) und Siemens verantwortlich. Nach jahrzehntelangen Tests und Diskussionen über das Für und Wider der Magnetschwebebahn sowie über die Finanzierung des Streckenbaus (geplant waren Hamburg – Berlin, München HBF – München Flughafen, Düsseldorf – Köln, Dortmund – Düsseldorf) wurde das Projekt 2008 schließlich aufgegeben. Weder die Deutsche Bahn noch die Hersteller der Züge waren bereit, sich am Streckenbau zu beteiligen. Nach und nach stiegen nun auch die Bundesregierung und die Regierungen der betreffenden Bundesländer aus dem Vorhaben aus. Nach dem Aus für die Strecke München HBF – München Flughafen im Jahr 2008 lösten die verbliebenen Hersteller ThyssenKrupp und Siemens das 1998 gegründete Jointventure Transrapid International auf. Die bisher einzige kommerzielle Magnetbahnstrecke (Stand: 2020) wurde von 2001 bis 2003 in China errichtet. Beteiligt an diesem Projekt waren ThyssenKrupp, Siemens und die Baufirma Max Bögl. Der Shanghai Maglev Train (ein modifizierter Transrapid TR 08) benötigt für die 30 Kilometer lange Strecke vom Shanghai New International Expo Centre zum Shanghai Pudong International Airport rund sieben Minuten. Weitere Strecken sind jedoch auch in China nicht geplant. Thyssen-Krupp schloss das Transrapid-Werk in Kassel 2012. Kurz zuvor hatte China erstmals einen Magnetbahnzug komplett selbst gebaut.

EWSD, HICOM: Mit dem elektronischen, speicherprogrammierten, digitalen Wählsystem EWSD, das das analoge Vermittlungsverfahren abgelöste, gelang Siemens ab 1980 eine weltweiter Verkaufsschlager. Das EWSD-System wurde bis Ende der 1990er Jahre an Kunden in mehr als 100 Ländern geliefert und avancierte mit 250 Millionen Anschlusseinheiten zum meistverkauften Festnetz-Vermittlungssystem der Welt. Das bereits auf dem ISDN-Standard basierende Vermittlungssystem Hicom für private Kommunikationsnetze integrierte ab 1986 erstmals alle Kommunikationsformen (Sprache, Text, Bilder, Daten) in einem Netz, auf einer Leitung und unter einer Rufnummer.

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NIXDORF: Von 1990 bis 1992 erwarb Siemens die Nixdorf Computer AG aus Paderborn, die damals zu den größten europäischen Computer-Herstellern gehörte, sich aber aufgrund eines rapiden Preisverfalls auf dem Markt für mittlere Datentechnik in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten befand. Siemens schloss die Nixdorf Computer AG nach der Übernahme mit der eigenen IT-Sparte zusammen. 1998 wurde die Siemens Nixdorf Informationssysteme AG (SNI) aufgelöst und vollständig in die Siemens AG integriert.

DEMAG, DEMATIC, KRAUSS-MAFFEI-WEGMANN, VDO: Im Zuge der Mannesmann-Übernahme durch den britischen Mobilfunkkonzern Vodafone im Jahr 2000 erwarb Siemens im Frühjahr 2001 Teile der Atecs-Mannesmann AG (Demag, Dematic, Krauss-Maffei-Wegmann, VDO), in die zuvor die Industriebeteiligungen der früheren Mannesmann AG ausgegliedert worden waren; andere Atecs-Bereiche wurden von Bosch (Rexroth), Salzgitter (Mannesmannröhren-Werke) und ZF (Sachs) übernommen.

AUSGLIEDERUNGEN / VERKÄUFE VON GESCHÄFTSBEREICHEN: Seit der Jahrtausendwende zog sich Siemens aus zahlreichen Geschäftsbereichen zurück. Die Sparten Halbleiter (1999 Infineon Technologies), Elektronische Bauteile (2000 Epcos; gehört seit 2009 zu TDK), Lichttechnik (2013 Osram Licht AG), Medizintechnik (2018 Siemens Healthineers AG) und Energietechnik (2020 Siemens Energy AG) wurden teilweise oder vollständig verselbstständigt. Weitere Aktivitäten verkaufte der Münchener Konzern an verschiedene Investoren und Unternehmen: Siemens-Nixdorf Retail und Banking Systems (ab 1999 Wincor-Nixdorf, seit 2016 Diebold-Nixdorf) 1999 eine Investorengruppe, die Mobilfunksparte 2005 an BenQ aus Taiwan (BenQ Mobile ging 2006 in Konkurs), Siemens-Dematic 2006 an die Private-Equity-Firma Triton, Siemens-VDO Automotive 2007 an die Continental AG, Siemens Enterprise Communications (seit 2013 Unify) 2008 mehrheitlich an den US-Finanzinvestor The Gores Group, Siemens Home and Office Communication Devices (seit 2008 Gigaset Communications GmbH) ebenfalls 2008 an die deutsche Beteiligungsgesellschaft Arques Industries, Krauss-Maffei-Wegmann 2010 an die Wegmann Gruppe, Siemens Audiology Solutions (nun Sivantos) 2015 an EQT Partners/Santo Holding und den Anteil an der BSH Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH 2015 an Bosch. Auch aus mehreren Jointventures zog sich Siemens wieder zurück: 2009 bei Fujitsu-Siemens Computers (gegründet 2000) und Framatome ANP/Areva NP (gegründet 2001) sowie 2013 bei Nokia-Siemens Networks (gegründet 2007).

GESCHÄFTSBEREICHE: Die Siemens AG ist heute in den Geschäftsbereichen Antriebstechnik (u.a. Elektromotoren, Getriebemotoren, Getriebe, Kupplungen, Frequenzumrichter, Industriegeneratoren, Windgeneratoren), Energie (u.a. Gasturbinen, Dampfturbinen, Generatoren, Kompressoren, Gas- und Dieselmotoren, Kraftwerksleittechnik, Windkraftanlagen, Kleinwasserkraftwerke, Energiespeicherlösungen, Netzmanagement, Transformatoren, Umspannwerke, Stromübertragungsanlagen, Schaltanlagen), Gebäudetechnik (u.a. Brandschutz, Gebäudeautomation, Sicherheit, Produkte für Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagen), Medizintechnik (u.a. CT-Systeme, Healthcare IT, Labordiagnostik, MRT-Scanner, Point-of-Care-Diagnostik, Röntgensysteme, Ultraschallsysteme), Industrie-Automatisierung (Automatisierungssysteme), Mobilität (u.a. Bahnelektrifizierung, Bahnautomatisierung, Infrastruktur für autonomes Fahren, Schienenfahrzeuge [Straßenbahnen, Stadt- und U-Bahnen, Nahverkehrs-/Regionalzüge, Hochgeschwindigkeitszüge], Tunnelmanagement, Verkehrsmanagement) und Software (u.a. Industrie-Software, Software für Energieverteilung, Software für Produkt-Lebenszyklus-Management) tätig.

HAUSGERÄTE, HÖRGERÄTE: Siemens selbst ist in diesen Bereichen nicht mehr tätig. Allerdings wird die Marke Siemens von Bosch (Hausgeräte) und Sivantos (Hörgeräte) in Lizenz verwendet.

SIEMENS FAMILIE: Die Siemens-Familie hält am Grundkapital der Siemens AG noch einen Anteil von rund 6 Prozent (Stand 2020). Der Rest des Aktienkapitals gehört Fondsgesellschaften, Versicherungen, Banken und Privataktionären. Die wichtigsten deutschen Siemens-Standorte befinden sich in Berlin, Erlangen, Hamburg, Kassel, Krefeld-Uerdingen, Nürnberg und München.

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Tochtergesellschaften, Beteiligungen (Auswahl)

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Ehemalige Tochtergesellschaften, Marken, Beteiligungen (Auswahl)

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