Markenlexikon

Nestlé

Ursprungsland: Schweiz

ANGLO SWISS CONDENSED MILK COMPANY: Die Entstehung dieses Konzerns hängt eng mit der Entwicklung der Kondensmilch zusammen. 1835 hatte sich der englische Anwalt William Newton als Erster ein Verfahren zur Herstellung von Kondensmilch patentieren lassen. Das Patent blieb jedoch ungenutzt. 1849 entwickelte der amerikanische Chemieprofessor Ebenezer Norton Horsford (1818 – 1893), der später mit der Herstellung und Vermarktung von Justus Liebigs' Backpulver in den USA ein Vermögen verdiente, im Prinzip das gleiche Verfahren. 1856 brachte Gail Borden Jr. (1801 – 1874), ein ehemaliger Assistent Horsfords, der das Verfahren 1853 noch einmal verbessert hatte, erstmals Kondensmilch auf den US-Markt. Zehn Jahre später hielt die Kondensmilch auch in Europa Einzug.

1866 gründeten die amerikanischen Brüder George und Charles Page die Anglo Swiss Condensed Milk Company und errichteten im Schweizer Ort Cham am Zuger See das erste Kondensmilchwerk Europas. Ab 1872 trat dieses Unternehmen unter dem Markenzeichen Milchmädchen auf. Zunächst wurde das durch Vakuumkondensation hergestellte haltbare Milchkonzentrat als Muttermilchersatz und als eiweißreicher Muntermacher verwendet. Bald erkannte man jedoch, dass sich Kondensmilch auch als Komponente für Instantprodukte hervorragend eignete.

NESTLÉ FARINE LACTÉE: Besonders erfolgreich wurde damit der in Frankfurt am Main geborene Apotheker Heinrich Niestle (1814 – 1890), der später in die Schweiz ging und 1843 in Vevey am Genfer See eine Drogerie eröffnete, wo er allerlei selbst hergestellte Produkte wie Senf, Essig, Likör, Mineralwasser, Kunstdünger, Stärkemittel und Flüssiggas für Straßenlampen verkaufte. Da in diesem Teil der Schweiz hauptsächlich französisch gesprochen wird, nannte er sich fortan Henri Nestlé. 1867 brachte Nestlé das von ihm erfundene »Kindermehl« (Farine Lactée) auf den Markt, ein Ersatzstoff für die Muttermilch, der aus getrockneter Milch, gemälztem Getreide und Zucker hergestellt wurde. Diese künstliche Babynahrung, die der hohen Säuglings- und Kindersterblichkeit entgegenwirken sollte, entwickelte sich trotz anfänglicher Skepsis seitens der Ärzte schnell zum ersten großen Erfolg des Unternehmens.

NESTLÉ, PETER-CAILLER-KOHLER, SAROTTI: Eine weitere Anwendungsmöglichkeit ergab sich 1875, als Daniel Peter, der Schwiegersohn des Schokoladenfabrikanten François-Louis Cailler (er hatte 1819 in Corsier bei Vevey die erste Schweizer Schokoladenfabrik errichtet), dem Kakao Kondensmilch beimischte und so die Milchschokolade schuf. Auch Nestlé stellte ab 1904 eigene Milchschokolade her. Alle drei Unternehmen schlossen sich später zusammen: zunächst 1905 Nestlé und Anglo Swiss zur Nestlé & Anglo-Swiss Condensed Milk Company und 1929 wurde auch die Peter-Cailler-Kohler Chocolate Suisse AG ein Teil des Nestlé-Konzerns. Zur gleichen Zeit beteiligte sich Nestlé mit 50 Prozent an der Sarotti AG aus Berlin, die 1852 von Heinrich Ludwig Neumann gegründet worden war. Daraufhin wurden im Sarotti-Werk in Berlin-Tempelhof auch Nestlé-Produkte hergestellt. Der kinderlose Henri Nestlé hatte seine Firma bereits 1874 an die drei Schweizer Geschäftsleute Gustav Marquis, Jules Monnerat und Pierre-Samuel Roussy verkauft, die den Familienbetrieb in eine Aktiengesellschaft umwandelten. 1890 starb er 75-jährig in Montreux.

NESCAFÉ: Der nun folgende Aufstieg zum Weltkonzern hing jedoch nicht mit den Milchprodukten oder der Schokolade zusammen, und er begann auch nicht in der Schweiz, sondern im »Kaffeeland« Brasilien. Die ganzen 1920er Jahre hindurch war dort regelmäßig Kaffee verbrannt oder ins Meer geschüttet worden, um das weitere Sinken der Kaffeepreise zu verhindern. 1930 fragte das Brazilian Coffee Institute bei Nestlé nach, ob man den Rohkaffee nicht zu haltbarem Instantkaffee verarbeiten könne. Schließlich hatte Nestlé auch schon Milch erfolgreich pulverisiert und Verfahren zur Herstellung von löslichem Kaffee waren seit längerer Zeit bekannt. Bereits 1901 hatte der japanische Chemiker Satori Kato in den USA erstmals löslichen Kaffee entwickelt und 1906 begann der in Guatemala lebende Brite George Constant Washington, ebenfalls ein Chemiker, mit der Massenproduktion (Red E Coffee). Der haltbare und schnell zuzubereitende Instantkaffee war vor allem für Soldaten gedacht, die fern der Heimat, im riesigen britischen Kolonialreich, ihren Dienst taten.

Dem Nestlé-Chemiker Max Rudolf Morgenthaler, der mit der Entwicklung betraut war, gelang es jedoch zunächst nicht, das Kaffeearoma zu erhalten. 1934 gab Nestlé das Projekt auf. Morgenthaler machte dennoch nach Feierabend zu Hause weiter. 1936 gelang es ihm schließlich, das Aroma durch Zugabe von Kohlenhydraten zu binden. 1938 brachte Nestlé den konservierten Kaffee unter dem Namen Nescafé erstmals auf den Markt. Nachdem Nescafé während des 2. Weltkriegs an US-Soldaten verteilt worden war, setzte sich das neue Produkt bald weltweit durch und wurde zur wertvollsten Marke des Nestlé-Konzerns. 1952 konnte auf die Zugabe von Kohlenhydraten verzichtet werden, sodass Nescafé seit dieser Zeit ausschließlich aus Kaffee besteht. 1966 kam der erste lösliche, gefriergetrocknete Kaffee von Nescafé auf den Markt. Bei gefriergetrocknetem Kaffee wird der Extrakt aus grob gemahlenem, geröstetem Kaffee und heißem Wasser sekundenschnell bei Temperaturen unter 40 Grad Celsius tiefgefroren und das gefrorene Wasser anschließend in Vakuumkammern verdunstet. Das Vakuum senkt den Siedepunkt des Wasser soweit, dass es selbst bei sehr tiefen Temperaturen verdunstet. Übrig bleibt ein lösliches Kaffeepulver, das anschließend leicht angefeuchtet wird, damit die einzelnen Partikel zu größeren Körnern zusammenbacken. Dieses aromaschonende, aber teure Verfahren wird vor allem bei hochwertigen Marken verwendet. Den ersten gefriergetrockneten Kaffee der Welt hatte der US-Nahrungsmittelkonzern General Foods (Baker's Chocolate, Birds Eye, Cefrisch, Gevalia, Hellmann's, Jell-O, Kaba, Kaffee HAG, Kool Aid, Log Cabin, Maxwell House, Minute Rice, Onko, Oscar Mayer, Post Cereals, Reis-Fit, Sanka, Tang, Yuban) 1964 in den USA unter dem Markennamen Maxim auf den Markt gebracht. Heute werden weltweit pro Sekunde rund 3000 Tassen Nescafé getrunken. Über 10 Prozent der gesamten Weltkaffeeproduktion werden zur Herstellung des Nescafés in über 30 Ländern verwendet.

NESTEA, NESQUICK: Nach dem Erfolg des Nescafés entwickelte Nestlé auch andere Instantprodukte, so u.a. 1948 das Teepulver Nestea Hot Tea Mix, das zunächst nur für die Zubereitung mit warmen Wasser geeignet war. 1956 kam die Kaltwasservariante Nestea Iced Tea Mix heraus. Eine weitere Variante war das heiß- und kaltlösliche, kakaohaltige Getränkepulver Nestlé Quick (Nesquick). Ab den 1980er Jahren wurde Nesquick zur Dachmarke ausgebaut, u.a. Nesquick Trinkfertig (1987), Nesquick Knusper-Frühstück (1993), Nesquick Eis (1995), Nesquick Snack (1996), Nesquick Schoko-Sirup (1997), Nesquick Joghurt (1999), Nesquick Zerealien (1999) und Nesquick Zauberkekse (2000).

Nestlé
Nestlé

INTERNATIONALE EXPANSION: In der Nachkriegszeit, als der Nescafé die Welt eroberte, erwarb Nestlé überall auf der Welt zahlreiche Unternehmen und wuchs so zu einem der weltgrößten Nahrungsmittelkonzerne heran. Zu den übernommen Firmen gehörten u.a. Alimentana (1947; Maggi), Crosse & Blackwell (1960; Konserven), Jopa (1960; Speiseeis), Locatelli (1961; Käse), Findus (1962; Tiefkühlprodukte), Delasa (1963; Speiseeis), Libby, McNeill & Libby (1963/1970; Konserven), Vittel (1968/1990; Mineralwasser), Ursina-Franck (1971; Alete, Bärenmarke, Caro, Thomy), Stouffer (1973; Tiefkühlprodukte), Blaue Quellen Heil- & Mineralbrunnen (1974), Chambourcy (1978; Joghurt, Desserts), Bübchen (1983; Körperpfegeprodukte), Dallmayr (1984; Kaffee), Carnation (1985; Carnation, Glücksklee, Friskies, Lünebest), Hills Brothers (1985; Kaffee), Herta (1986; Wurst), Rowntree-Mackintosh (1988; After Eight, Choco Crossies, Kit Kat, Lion, Nuts, Quality Street, Rolo, Smarties), Buitoni (1988; Nudeln), Perrier (1992; Mineralwasser), Finitalgel/Gelati Motta (1993; Speiseeis), Warncke (1994; Speiseeis), Milasan (1999; Babynahrung), Alpo Pet Foods (1995; Tierfutter), Sanpellegrino (1998; Mineralwasser), Spillers Petfoods (1998; Tierfutter), PowerBar (2000; Leistungsernährung), Purina (2002; Tierfutter), Schöller (2002; Speiseeis), Chef America (2002; Tiefkühlprodukte), Wagner (2004/2012; Tiefkühlprodukte), Dreyer's (2006 Speiseeis), Gerber (2007; Babynahrung) und das Tiefkühlpizza-Geschäft von Kraft Foods (2010; California Pizza Kitchen, Delissio, DiGiorno, Jack's, Tombstone). Mehrere dieser Marken wurden inzwischen wieder verkauft, u.a. Alete, Bärenmarke, Bübchen, Dallmayr, Findus, Glücksklee, Herta, Libby’s, Lünebest, Milasan und Sarotti.

NESPRESSO: 1986 brachte Nestlé das Portionskaffee-System Nespresso auf den Markt, das von dem Nestlé-Ingenieur Eric Favre entwickelt und bereits 1976 patentiert worden war. Der Erfolg stellte sich jedoch erst Anfang der 1990er Jahre allmählich ein. Nestlé selbst stellt nur die Kaffeekapseln her (in den Werken Avenches, Orbe, Romont), die Maschinen werden von dem Schweizer OEM-Hersteller Eugster/Frismag AG, dem weltweit größten Produzenten von Kaffeemaschinen, produziert und unter bekannten Marken wie Alessi, Saeco, Jura, De’Longhi, Koenig, Krups, Miele oder Siemens vertrieben. Der Erfolg des Nespresso-Systems führte dazu, dass auch andere Hersteller eigene Portionskaffeemaschinen entwickelten, die mit Kaffepads oder -kapseln arbeiten, u.a. 1997 Keurig (K-Cup), 2001 Douwe Egberts/Philips (Senseo) oder 2004 Kraft Foods (Tassimo) und Melitta (MyCup). Die Portionierungssysteme waren für die Hersteller eine Goldgrube, solange die Patente noch nicht abgelaufen waren und niemand sonst billigere Austauschkapseln herstellen durfte. Die Kaffeeportionen von den Originalherstellern sind wesentlich teurer als die gleiche Menge normaler Kaffee. Als Problem erwiesen sich auch die Kapseln selbst, die größtenteils aus energieintensivem Aluminium und/oder Kunststoff bestehen und lange Zeit kaum recycelt wurden. Lediglich die Pads einiger weniger Hersteller wie Senseo bestehen aus kompostierbarem Papier. Nestlé brachte 2005 mit Nescafé Dolce Gusto noch ein weiteres Kapselsystem auf den Markt.

CEREAL PARTNERS WORLDWIDE: 1991 gründeten der US-Nahrungsmittelkonzern General Mills (Betty Crocker, Buggles, Cheerios, Chex, Cookie Crisp, Gold Medal, Green Giant, Häagen Dazs, Pillsbury, Softasilk, Totino's, Trix, Wheaties, Yoplait) und Nestlé das Jointventure Cereal Partners Worldwide S.A. (Lausanne), das die Zerealien beider Partner für den internationalen Markt (außer Nordamerika) produziert und unter der Marke Nestlé vermarktet. Zu den CPW-Marken gehören u.a. Cheerios, Coco Shreddies, Cookie Crisp, Curiously Cinnamon, Frosted Shreddies, Honey Cheerios, Lion Cereal, Nesquik Cereal, Shredded Wheat und Shredded Wheat Bitesize.

FRONERI: 2016 gründeten Nestlé und der britische Speiseeis-Hersteller R&R Ice Cream das Jointventure Froneri (Leeming Bar/England), in das beide Partner ihr Speiseeisgeschäft und Teile des Tiefkühlkostgeschäfts (außer Tiefkühlpizzen) einbrachten: Nestlé die Marken Frisco, Häagen-Dazs, Kit Kat, Mövenpick, Schöller sowie Smarties und R&R die Lizenzmarken Cadbury (Mondelēz), Daim (Mondelēz), Landliebe (FrieslandCampina), Milka (Mondelēz), Oreo (Mondelēz) und Toblerone (Mondelēz). Eine Zeitlang hatte R&R auch die Eismarken des Mars-Konzerns (Bounty, Mars, Snickers, Twix) produziert und vermarktet. Zunächst wurde Froneri nur in Europa, dem Nahen Osten (ohne Israel), Argentinien, Australien, Brasilien, den Philippinen und Südafrika tätig. 2019 kamen Israel und die USA dazu. Asien, Kanada und Lateinamerika verblieben vorerst bei Nestlé.

KRITIK: Als führender Nahrungsmittelkonzern der Welt steht Nestlé seit den 1970er Jahren regelmäßig in der öffentlichen Kritik. So werden/wurden dem Konzern eine aggressive Vermarktung von Säuglingsnahrung in Entwicklungsländern vorgeworfen, außerdem die Verwendung von gentechnisch veränderten Zutaten, die Durchführung von Tierversuchen, die Duldung von Kinderarbeit, Menschenhandel und Zwangsarbeit auf Kakaoplantagen in Westafrika, die Zerstörung des indonesischen Regenwalds und die Ausrottung der Orang-Utans (wegen des dort angebauten Palmöls), Repressionen gegen Gewerkschaften oder das Abpumpen von Wasser in ländlichen Regionen der Dritten Welt für die Mineralwasserproduktion, was zur Absenkung des Grundwasserspiegels und zur Austrocknung von Brunnen führt.

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