Markenlexikon

Hertie

Ursprungsland: Deutschland

Oscar Tietz (1858 – 1923) und sein Onkel Hermann Tietz (1837 – 1907), der sich nur als Geldgeber beteiligte, eröffneten 1882 in Gera (Thüringen) ihr erstes Textilgeschäft. Hermann Tietz besaß die amerikanische Staatsbürgerschaft und vertrat zahlreiche US-Versicherungen in Deutschland. Oskars Bruder Leonhard gründete 1905 ebenfalls ein Warenhaus-Unternehmen, die spätere Kaufhof AG. 1888 verlegte Oskar Tietz den Firmensitz nach München. Um die Jahrhundertwende entstanden in zahlreichen Städte neue, teilweise luxuriöse Warenhäuser, u.a. in Weimar, Karlsruhe, Straßburg, Bamberg, Erfurt, Rostock, Stralsund, Wismar, Hamburg, Berlin und München. Anfang der 1920er Jahre war Hermann Tietz der größte europäische Kaufhauskonzern in Privatbesitz. 1912 eröffnete Hermann Tietz ein Warenhaus am Jungfernstieg in Hamburg, das 1935 in Alsterhaus umbenannt wurde. 1927 erwarb Tietz das Warenhausunternehmen A. Jandorf & Co., dem auch das berühmte »Kaufhaus des Westens« (KaDeWe) in Berlin-Schöneberg gehörte.

Infolge der Wirtschaftskrise nach 1929 brach der Umsatz der Tietz-Warenhäuser dramatisch ein, was zu einem Liquiditätsengpass und zur Verweigerung eines Kredits durch die Dresdner Bank führte. Im Angesicht eines Konkurses und auf Druck der staatlich dominierten Dresdner Bank musste die jüdische Tietz-Familie ihre Aktien 1933 an die Commerzbank, die Deutsche Bank und die Dresdner Bank abgeben. Dieser und ähnliche Fälle wurde später auch als »kalte Arisierung« bezeichnet, also ohne direkten Eingriff des nationalsozialistischen Staates. Anschließend wurde das Unternehmen in Hertie (Hermann Tietz) umbenannt; der Name Hertie war seit der Jahrhundertwende als Eigenmarke verwendet worden. Die Dresdner Bank setzte Georg Karg (1888 – 1972), der zuvor in der Tietz-Einkaufsabteilung tätig gewesen war, als neuen Geschäftsführer ein; die Tietz-Familie emigrierte in die USA. 1940 wurde Georg Karg Alleininhaber des Hertie-Konzerns.

1952 erwarb Hertie die Mehrheit der Wertheim AG, deren jüdische Eigentümerfamilie in den 1930er Jahren ebenfalls enteignet worden war. Das Unternehmen besaß zu diesem Zeitpunkt nur ein einziges Warenhaus in Berlin (Moritzplatz); alle anderen waren zerstört oder durch die Sowjets verstaatlicht worden. Ebenfalls 1952 etablierte Hertie die Niedrigpreis-Kaufhauskette Bilka, deren Filialen vor allem in Stadtteilen und Kleinstädten angesiedelt wurden (die Bilka-Kaufhäuser wurden von 1990 bis 1996 an Woolworth und Kaufhof/Kaufhalle verkauft). 1959 verlegte die Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH ihren Firmensitz von Berlin nach Frankfurt/Main. 1974, zwei Jahre nach dem Tod Georg Kargs, gründeten seine Erben die gemeinnützige Hertie-Stiftung (Frankfurt/Main). 1984 übernahm Hertie auch die restlichen Anteile der Wertheim AG.

In den 1980er Jahren, als vermehrt Fachmarktketten auf den Einzelhandelsmarkt drängten, versuchten die Warenhauskonzerne dieser Entwicklung mit dem Kauf der neuen Konkurrenten entgegenzuwirken: Kaufhof erwarb die Elektronikfachmarktketten Media Markt und Saturn sowie den Schuhfilialisten Reno, Karstadt rief eigene Fachgeschäftsketten ins Leben (Runners Point, Pico Bello). Hertie übernahm 1987/1988 die Elektrofachmarktketten Schaulandt und Schürmann sowie Beteiligungen an der Musikhandelsgesellschaft WOM (World of Music) und der Modehauskette Wehmeyer.

1993 wurde die Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH mit damals 307 Warenhäusern und Fachgeschäften von der Karstadt AG übernommen – die Hertie-Stiftung erhielt dafür 29,4 Prozent der Karstadt-Aktien, die sie 1998 an die Quelle-Schickedanz-Gruppe weiterreichte. 1999 entstand aus dem Zusammenschluss von Karstadt und Quelle die KarstadtQuelle AG (ab 2007 Arcandor AG). Mit Ausnahme des Standortes in München wurden sämtliche Hertie-Filialen bis 2005 umbenannt, geschlossen oder verkauft.

Im Oktober 2005 veräußerte die Karstadt Warenhaus GmbH 73 kleinere Kaufäuser (Verkaufsfläche unter 8.000 Quadratmeter) sowie den Namen Hertie an den britischen Immobilienfonds Dawnay Day (85 Prozent) und die britisch-amerikanische Unternehmensberatung Hilco UK Limited, die sich auf Handelsunternehmen spezialisiert hat. Im März 2007 wurde die Karstadt Kompakt GmbH & Co. KG in Hertie GmbH umbenannt. Nachdem Dawnay Day infolge der Immobilien- und Bankenkrise in finanzielle Schwierigkeiten geraten war und im Juli 2008 in Konkurs ging, musste die Hertie GmbH kurz darauf ebenfalls Insolvenz anmelden. Die letzten Hertie-Kaufhäuser wurden im August 2009 geschlossen.

2012 erwarb die HDK AG (Hertie Deutsche Kaufhaus AG) aus Osnabrück (vormals Telefon.de Handels AG), ein Betreiber von diversen Online-Shops (u.a. Telefon.de, Tepgo.de, Serviette.de, Wohnhimmel.de, Spielzeugnest.de), die Hertie-Markenrechte aus der Konkursmasse. Hinter HDK stehen die Brüder Jan und Nils Klöker, die bereits 1998 ihren ersten Online-Shop gegründet hatten (seit 2001 Telefon.de). Die Marke Hertie wurde 2013 als Online-Vollsortiment-Kaufhaus wieder zum Leben erweckt.

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